| Laut dem heftig umstrittenen Arzt Dr. Bruker soll
Zucker und mit ihm die Zuckerindustrie Dreh- und Angelpunkt aller möglichen
gesundheitlichen Qualen sein. Zwar trägt er in gleich mehreren Büchern eine
stattliche Anzahl von Argumenten zusammen, dennoch steht seine Theorie auf
tönernen Füßen.
Zweifelsohne ist der Zuckerkonsum in den letzten Dekaden enorm gestiegen und
die Lobby der Zuckerindustrie ist mitgewachsen. Neben dem offenkundigen
„Süßkram“ findet man in unzähligen Lebensmitteln versteckte Zucker. Dabei drehen
sich die kritischen Betrachtungen weniger um den Zucker (Glucose) an sich,
sondern vielmehr um das raffinierte Produkt, um den typischen Haushaltszucker.
Ähnlich wie dem raffinierten Weißmehl sind dem weißen Zucker alle Nährstoffe
entzogen. Ob und inwiefern natürliche Mittel zum Süßen (z.B. Honig, brauner
Rohrzucker) wirklich eine Alternative sind, ist ebenfalls strittig. Jedenfalls
sucht man schon sehr lange nach Zuckerersatzstoffen wie bspw. dem industriellen
Aspartam oder dem natürlichen Stevia.
Stevia rebaudiana ist eine süße Pflanze aus Südamerika, deren
Bestandteile im Ursprungsland seit eh und je als kalorienarmer, zahnfreundlicher
Zuckerersatz verwendet werden. Nebenwirkungen, gesundheitliche Nachteile sind
nicht bekannt. Die Europäische Kommission verweigerte jedoch die Zulassung für
die EU. Waren da Interessen am Werk, die die natürliche Konkurrenz verhindern
wollten?
Es ist in Wahrheit viel vertrackter.
Im Mai 1997 trat die Novel Food Verordnung für die EU in Kraft. Diese
Verordnung gilt für alle neuartigen Lebensmittel und Zutaten, ob gentechnisch
manipulierter Tomatenketchup oder in der EU unbekannte Nahrungsmittel. Es wird
in dieser Verordnung der wissenschaftliche Nachweis der Sicherheit der
„neuartigen“ Lebensmittel verlangt – und „wat de Bur nich kennt“, ist neuartig.
Die Verordnung verlangt vom Importeur den Nachweis der Unbedenklichkeit bei
neuartigen Produkten (von Zusatzstoffen bis Obst). Das klingt erst mal sinnvoll,
kommt aber in der praktischen Ausführung der Quadratur des Kreises gleich. Der
Nachweis der Unbedenklichkeit bzw. Toxizität ist nämlich bei neuartigen
Einzelsubstanzen längst Routine und technisch wie finanziell noch im
vertretbaren Rahmen, wird aber bei komplexeren Produkten zur Farce.
Wie soll man bei einem Stück Obst, das einer gewissen natürlichen Vielfalt
unterliegt und aus zigtausend, größtenteils unbekannten Inhaltsstoffen besteht,
einen Unbedenklichkeitsnachweis führen? Es reicht eben nicht, wenn der Importeur
darauf verweist, dass von einer Milliarde (ausländischer) Konsumenten bisher
noch keiner deswegen im Krankenhaus gelandet ist. Bei gängigen Lebensmitteln wie
z.B. dem Blumenkohl leitet man die Sicherheit hingegen aus einer langen
kulturellen Erfahrung ab. Die gleiche kulturelle Erfahrung auf einem anderen
Kontinent ist in der EU nicht gültig.
Hätte es diese Verordnung schon zu Zeiten des Christoph Kolumbus gegeben,
dann gäbe es vermutlich heute weder Kartoffeln noch Reis in Europa. Von Ananas,
Mangos, Lychees usw. usf. ganz zu schweigen. Die Zulassung von Stevia scheiterte
bisher an der Regulierungswut der EU-Bürokraten. |