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Die Nährstoffprotagonisten streiten sich schon seit Jahren mit den „Offiziellen“, wie z.B. mit der halbamtlichen, von der Bundesregierung geförderten Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), über den tatsächlichen Bedarf. Unabhängig davon, wo die lautere Wahrheit liegen mag, fällt unangenehm auf, dass sich die „Offiziellen“ einer Argumentationsart bedienen, bei der man sich kaum gegen Assoziationen mit dummdreister Propaganda wehren kann. Gute Propagandisten verstehen es teilweise hervorragend, so genannte in sich geschlossene „Beweisführungen“ zu präsentieren. Da wird oftmals eine (haltlose) Behauptung mit der nächsten (haltlosen) Behauptung „bewiesen“.

Vor allem die Medien werden nicht müde in der Quintessenz zu behaupten, dass z.B. 100 mg Vitamin C ausreichend seien, weil die DGE dies für ausreichend hält. Meist stereotyp verknüpft mit dem Hinweis, dass „Überdosierung“ gesundheitsgefährdend sein könnte. Die Botschaft kommt an. Welcher Leser erkennt schon, dass es sich um Null-Aussagen handelt, die das Papier nicht wert sind.

Tatsache ist lediglich, dass die DGE bestimmte Mengen an Vitaminen für „ausreichend“ erklärt hat und dabei auf ihre Autorität pocht. Wie sie allerdings konkret den Begriff „ausreichend“ definiert, blieb bis dato ihr Geheimnis. Liest man populäre Erläuterungen (z.B. „GU Nährwert-Kalorien-Tabelle“ oder das „Vitamin-Lexikon für Ärzte, Apotheker und Ernährungswissen-schaftler“) zu den Referenzwerten der DGE, dann wird zwar alles Mögliche beschrieben. Nur, wie man konkret darauf kam, dass z.B. 75 bis 100 mg Vitamin C ausreichend sein sollen, erfährt man nicht. Bestenfalls werden hierzu ein paar hochwissenschaftlich klingende, letztlich nichts sagende Indizien aufgelistet. Eine wirklich schlüssige, wissenschaftlich nachvollziehbare Beweisführung fehlt.

Zwar listet die DGE zu den neuen Referenzwerten (empfohlene Dosierungen) immerhin 600 Quellenangaben auf, diese spiegeln jedoch nicht den Stand der internationalen Diskussion wider. Man bekommt vielmehr den Eindruck, dass die DGE nur jene Quellen (und die auch noch gleich mehrfach) berücksichtigt hat, die in ihr Konzept passen. Immerhin wird die Verbindlichkeit der DGE-Referenzwerte von ihr selbst in Frage gestellt. So räumt die DGE ein: „Mit dem Anspruch der absoluten Richtigkeit ist die Planung einer bedarfsdeckenden Ernährung von Einzelpersonen mit den Referenzwerten nicht möglich, da der individuelle Bedarf nicht bekannt ist.“ Mit anderen Worten: Man gibt Ratschläge zum Besten, die für den Einzelnen keine Bedeutung haben ...

Diese nichts sagenden Referenzwerte werden jedoch vom Gesetzgeber benutzt (missbraucht?), um Nahrung von Medikamenten abzugrenzen. Vereinfacht formuliert erklärt man ein Vitamin ab dem dreifachen DGE-Referenzwert zum Medikament. Man muss wahrscheinlich eine besondere Art politischer Logik studiert haben, damit die dreifache Multiplikation mit einem Fragezeichen zur gesetzlichen Wahrheit erhoben werden kann. Narrhallamarsch ...

Angesichts der gegenwärtigen Erkenntnis, dass eine Zentralfunktion der Mikronährstoffe die antioxidative Funktion ist, kann man sich nur noch wundern, warum dies der DGE keine nähere Betrachtung wert ist.

Es liegt auf der Hand, dass der tatsächliche Bedarf nur ermittelt werden kann, wenn alle Verbrauchsfaktoren bekannt sind und berücksichtigt werden. Es wäre im Falle von z.B. Vitamin C völlig illusorisch, dies im Einzelnen darzustellen, da es an einer Unmenge von unterschiedlichen Prozessen beteiligt ist. Aber man ist heute durchaus in der Lage z.B. den Gesamtbedarf an Vitamin C bei einem Individuum zu ermitteln – ohne Kenntnis darüber, wofür es dies im Einzelnen ge- und verbraucht. Bei diesen Untersuchungen wird gewissermaßen die „Rostanfälligkeit“ (Oxidation) des Menschen geprüft, um daraus auf die Menge des „Rostschutzmittels“ (Antioxidanzien) zu schließen. Es ist aus dem Material der DGE zu den Referenzwerten nicht zu erkennen, dass sie eine derartige Untersuchung auch nur in einem einzigen Fall durchgeführt hat oder hat durchführen lassen.

Der HiLife e.V. hat in 2000/2001 drei (!) Mal bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) angefragt, wie man konkret und im Detail die neuen Referenzwerte ermittelt haben will. Im ersten Schreiben vertröstete uns die DGE auf später. Bei erneuter Nachfrage teilte man uns mit, dass man auf Einzelanfragen keine Auskunft erteile. Als wir in unserer dritten Anfrage nunmehr endgültig, klar und deutlich wissen wollten, welche wissenschaftliche Definition z.B. dem DGE-Begriff „ausreichend“ zu Grunde liege, erhielten wir erneut eine ausweichende Antwort. Tatsache ist, dass die DGE an eigenen Untersuchungen nichts vorzuweisen hat und lediglich auf „Erkenntnisse“ aus den USA und Kanada verweist – dort werden allerdings die gleichen Fragen genauso wenig beantwortet.

Es darf die DGE nicht wundern, wenn viele Vereinsmitglieder seitdem davon ausgehen, dass die so genannten Referenzwerte der DGE praktisch keine wissenschaftliche Grundlage haben und sehr wahrscheinlich der DGE von den „Pharmatollahs“ als Glaubensdogma diktiert wurden. Die DGE gilt bei vielen Wissenschaftlern in Sachen Referenzwerte als völlig inkompetent.

Die moderne Vitaminforschung lässt praktisch keinen Zweifel zu, dass der tatsächliche Bedarf an Mikronährstoffen wegen vieler Faktoren (von allgemein erhöhter Leistungsanforderung über Stress bis hin zu Umweltbelastungen aller Art) erheblich gestiegen ist. Gleichzeitig ist das Angebot über die Nahrung teilweise drastisch gesunken:

* So stellte das Lebensmittellabor Karlsruhe (im Auftrag der Schwarzwaldklinik Obertal) fest, dass der Nährstoffgehalt in gängigen frischen Lebensmitteln beängstigend gering ist. Das Labor verglich einen Warenkorb (Obst, Gemüse) aus dem Jahre 1985 mit einem identischen Warenkorb aus dem Jahre 1996. Das Ergebnis war niederschmetternd. Innerhalb von 10 Jahren verlor z.B. Fenchel 62% Calcium, Spinat büßte 58%, Äpfel gar 80% Vitamin C ein, die Banane verlor 92% ihres Vitamin-B6-Gehalts, Brokkoli wies 52% weniger Folsäure auf. Um nur einige Beispiele zu nennen. Der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (Referat Wissenschaft) war diese Untersuchung bei unserer Anfrage am 12.6.01 nicht mal bekannt ...

* In einer Diplomarbeit (Ehlers/Elsner, 8/2001) unter Leitung von Prof. Dr. Chr. Wonneberger, Fachhochschule Osnabrück, wurde der tatsächliche Selengehalt von Gemüse mal aus konventionellem, mal aus kontrolliert biologischem Anbau aus deutschen Landen überprüft. Dabei schnitt das Gemüse aus kontrolliert biologischem marginal besser ab. Insgesamt war das Ergebnis niederschmetternd.

Selengehalt (mcg/100 g)

Gemüse  DGE-Angabe Untersuchung
Radieschen kbA

2

0,09

Radieschen konventionell

2

Spuren

Wirsing kbA

1

0,16

Blumenkohl kbA

1

0,25

Blumenkohl konventionell

1

Spuren

Kohlrabi kbA

1

Spuren

Brokkoli kbA

1

0,82

Brokkoli konventionell

1

Spuren

Gurke kbA

1

0,77

Gurke konventionell

1

Spuren

Möhren kbA

1

Spuren

Möhre konventionell

1

0,36

Menschen, die sich vorwiegend vegetarisch ernähren, dürften demnach einen ständigen Selenmangel haben.

Wie dem auch sei. Naturwissenschaftlich exakte Belege sind in beiden Vitamin-Lagern chronische Mangelware. Im Normalfall wird sich der Verbraucher mit statistischen Durchschnittswerten begnügen müssen, die – je nach Quelle – eine gewisse Bandbreite haben. Ob der Verbraucher sich dabei lieber an die neuen Empfehlungen der Vitaminforscher hält oder an die DGE-Weisheiten, muss jeder selbst entscheiden. Im Krankheitsfalle reicht dies – so oder so – nicht mehr. (Näheres unter Die „richtige“ Dosierung)
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