| Vitaminhetze
Die Medien sind sich derzeit mal wieder erstaunlich einig darüber das
Publikum mit Unsinn und Ungereimtheiten über Vitamine abzufertigen.
Es ist nicht unsere Art bei neuen Studien aus der Hüfte zurück zu schießen,
denn vor einer Auseinandersetzung müssen erst mal alle Fakten auf den Tisch
liegen. Und das dauert meistens etwas. Aber weil sich die Fragen derzeit häufen,
wollen wir zumindest ein paar vorläufige Hinweise geben. Unter allen
Vorbehalten, siehe auch „Schmankerl“ am Ende dieser Stellungnahme.
Ob Ökotest oder Fit for Fun, es ist an sich schon sehr bemerkenswert wie
stereotyp (und inkonsequent) man mal wieder zur Hatz auf Vitamine bläst. Der
liebe Gott hat demzufolge in einem Anfall von Bösartigkeit alle Nahrung heimlich
mit Kanzerogenen (sprich Vitaminen) vergiftet. Ein Wunder, dass – vor allem die
Tiere - dies bis dato überlebt haben. Denn während wir Menschen angeblich nur
100 mg Vitamin C brauchen (laut DGE), produziert jedes Tier z.B. eine Ziege
dieses Teufelszeug gleich Grammweise – und meckert auch noch ekelhaft gesund vor
sich hin. Während der Mensch höllisch vorsichtig mit dem gesundheitsschädlichen
Vitamin A sein soll, supplementieren skrupellose Hundezüchter ihren Waldi mit
diesem Höllenzeug, auf dass er gesund bleibe, sich fleißig vermehre und alt
werde …
Im Leitartikel der Fit for Fun kann man nachlesen, dass die deutsche
Bevölkerung im Allgemeinen „ausreichend“ mit Vitaminen versorgt sei. Die
Überschreitung der dreifachen DGE-Empfehlung könne sogar gesundheitsschädlich
sein. In der gleichen Ausgabe finden sich etwa ein Dutzend kleinerer
Artikel, in denen auf die gesundheitlichen Vorteile einer erhöhten Zufuhr
eben jener Nährstoffe hingewiesen wird, mit denen die deutsche Bevölkerung
angeblich „ausreichend“ versorgt ist und obendrein Suizid begeht, wenn sie
zu viel davon zu sich nimmt:
Erhöhtes Vitamin C schützt vor Hautalterung, erhöhte Zufuhr von Vitamin B
(Folsäure) schütze Frauen vor Bluthochdruck, erhöhte Zufuhr von Lycopen und
Omega-3 Fettsäuren schütze vor Herzinfarkt, Theobromin (Schokolade) hilft gegen
Reizhusten; Antioxidantien wie Tannine, Polyphenole und Anthocyane schützen vor
Gefäßschäden; Inhaltsstoffe des Apfels schützen vor Darmkrebs usw. usf.
Wie gesagt: Exakt der gleichen Ausgabe (Fit for Fun 2/05) entnommen, die im
Leitartikel vor diesem Teufelszeug warnt …
Der Leitartikel basiert auf den „Empfehlungen“ bzw. Referenzwerten der
Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und dass deren Angaben das Papier
nicht wert sind, wurde im Vitaminchen bereits mehrfach detailliert
erläutert. Im Gegensatz zu dem, was diese Institution Glauben machen will, ist
nicht einmal der Begriff „ausreichend“ wissenschaftlich definiert, geschweige
denn das jemals eindeutige Parameter wissenschaftlich eruiert worden wären. (Bei
dem Begriff „ausreichend“ muss man Ziel und Verbrauch wissen: Beides ist
weltweit zumindest unklar)
Im Tenor wird behauptet, dass (deutsche) Vitaminergänzungen wertlos sind und
der Gesundheit nichts bringen. Nun, das sehen die Verfechter der
Orthomolekularmedizin nicht anders! Deutsche Vitaminpräparate (allesamt
basierend auf den Dosierungs-Empfehlungen der DGE) sind in der Tat viel zu
gering dosiert um irgendeine Wirkung zu erzielen. Und - völlig richtig erkannt,
liebe Schreiberlinge der FFF -, so wie höher dosiert wird, setzen die positiven
Wirkungen ein. Diese positiven Wirkungen werden verbal zu Heilwirkungen
aufgewertet und das mögen Big Pharma & Co gar nicht gerne hören, denn das
Heilen ist deren profitables Jagdrevier (Monopol) – also Rezeptpflichtig.
Relativ neu in dieser Diskussion dürfte für die meisten Leser das
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sein. Das BfR wird gerne zitiert, wenn
es um die Rechtfertigung der Grenzwerte geht. Wie sieht so eine Bewertung der
BfR konkret aus? Beispiel Vitamin B12 (Cobalamin).
"Bisher sind keine unerwünschten Nebenwirkungen beschrieben worden, die
auf eine Überhöhte Zufuhr von Vitamin B12 aus Lebensmitteln oder Supplementen
zurückgeführt werden konnten, so dass kein Tolerable Upper Intake Level (UL)
abgeleitet werden konnte. Somit scheidet eine überwiegend auf toxikologischen
Erwägungsgründen basierende Ableitung sicherer Höchstgrenzen aus und die
vorgeschlagene Formel ist nicht anwendbar.
Aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes und der noch bestehenden
Wissenslücken empfiehlt das BfR, dass die zulässige Höchstmenge 3 bis maximal 9
µg Vitamin B12 pro Tag in Nahrungsergänzungsmitteln nicht überschreiten sollte.
Eine Limitierung der zugesetzten Vitaminmenge ist aufgrund der bereits
physiologischerweise begrenzten Absorptionskapazität gerechtfertigt. Auch bringt
eine wesentliche Erhöhung der empfohlenen täglichen Vitaminzufuhr keinen
zusätzlichen ernährungsphysiologischen Nutzen.”
Das klingt alles sehr kompetent, aber letztendlich wurde wortreich
gesagt: Es gibt keinen Anlass anzunehmen, dass Vitamin B12 überhaupt überdosiert
werden kann, dennoch setzen wir, der BfR, die Obergrenze bei maximal 9 mcg
täglich fest. Wir haben zwar keine Ahnung, dafür wissen wir alles besser …
Normalerweise halten sich die Schreiberlinge derartiger Artikel wie im
Fit for Fun nicht in den Niederungen konkreter Fakten und Zahlen auf. Was eine
nuancierte Berichterstattung ist, scheint den meisten Medien gänzlich unbekannt.
FFF zitierte immerhin 3 Studien als Beleg für die gesundheitsschädliche Wirkung
von Vitaminen & Co. Dem stehen allerdings Hunderte Studien gegenüber, die
die positiven Wirkungen beweisen konnten. Grundsätzlich ist es in der
wissenschaftlichen Forschung nichts ungewöhnliches, dass auf Zehn „Pro“-Studien,
ein oder zwei „Contra“-Studien kommen. Das ist gewissermaßen das tägliche Brot
in der Wissenschaft. Denn die Fragestellungen sind inzwischen sehr komplex
geworden und wer einfache Antworten will, sollte die Bild-Zeitung lesen …
Vitamin E soll, laut einer Übersicht aus 16 Studien, in hohen Dosen
das Leben verkürzen. Die Behauptung wäre etwas glaubwürdiger, wenn man gesunde
Probanden untersucht hätte, statt nur Kranke …
Vitamin C soll bei Diabetikerinnen über 60 die Gefahr von
Herzerkrankungen drastisch erhöhen. Eigentlich nichts Neues: Es ist schon lange
bekannt, dass Diabetiker mit hohen Vitamin-C-Dosierungen vorsichtshalber
zurückhaltend sein sollen. Dennoch ist eine Risiko-Nutzen-Abwägung in
Sachen Vitamin C bei Diabetiker damit nicht vom Tisch.
Ähnliches gilt für Vitamin A. Hohe Vitamin-A-Dosierungen (erheblich
über 5.000 IE) werden auch von den Vitamin-Protagonisten kaum empfohlen. Sehr
hohe Dosen werden zwar in der Krebstherapie genutzt, allerdings muss man das
gegen die möglichen Nebenwirkungen (Osteoporoserisiko?) abwägen.
Eines sollte klar sein: Vereinzelte negative Studien, tragen sicherlich zur
allgemeinen Verunsicherung bei, aber sie sind wahrhaftig kein Anlass, alle
positiven Studien als Larifari abzutun. Wie üblich wird es einige Zeit brauchen,
bis diese negativen Studien unter die Lupe genommen werden konnten. Wir werden
darüber zur gegeben Zeit berichten.
Grundsätzlich gilt für alle naturwissenschaftlichen Studien am Menschen, dass
die Interpretation der Ergebnisse sehr vorsichtig geschehen muss. Diese
Fähigkeit wird man bei Normaljournalisten vergeblich suchen.
„Schmankerl“
Wer wird nasser? Derjenige, der schnell durch den Regen geht oder der der
langsam geht? Die niederländische Zeitschrift Quest, ein
populär-wissenschaftliches Magazin und der Discovery Channel (Mythbusters)
versuchten diese Frage zu klären – und kamen beide zu einem völlig anderen
Ergebnis. Quest stellte fest, dass der langsame Läufer nasser wird, Discovery
Channel, dass der Schnellere nasser wird.
Wenn Experimente sich widersprechen, dann wundert sich der Laie. Für den
Wissenschaftler ist dies allerdings nichts ungewöhnliches und er wird die Logik
bemühen, um Licht ins Dunkel zu bringen. Der HiLife umschreibt die überschlägige
logische Überprüfung eines Ergebnisses mit dem Begriff Plausibilitätskontrolle.
Kann irgendein Ergebnis überhaupt richtig sein?
Das lässt sich in diesem Fall noch am anschaulichsten in einer etwas
extremeren Gegenüberstellung klären. Die Läufer müssen 100 m durch den Regen
laufen. Läufer A rennt die Strecke in 15 Sekunden – und dürfte nicht besonders
nass geworden sein. Läufer B schlendert die Strecke in zwei Stunden ab – und ist
natürlich nass bis auf die Haut.
Fazit: Beim Experiment von Discovery Channel muss man etwas falsch gemacht
haben. |