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Vitamin E sei „lebensgefährlich“, erhöhe das Todesrisiko. Das Ergebnis
einer Meta-Analyse hatte als Schlagzeile für Aufregung gesorgt.
„Es gibt Lügen, verdammte Lügen und Statistiken.“ Mark Twain
Wie so oft mussten wir vorläufig eine Stellungnahme schuldig bleiben, weil
wir uns erst mal selbst schlau machen mussten. Die Quelle der Schlagzeilen war
eine Internet-Veröffentlichung in Annals of Internal Medicin, November
2004. Dieser Artikel basierte wiederum auf einer so genannten Meta-Analyse von
Miller, E.R. et al. Meta-analysis: High dose vitamin E supplementation
may increase all-cause mortality. Ann Intr Med 2004. Erstellt
an der Johns Hopkins University.
Die Medien griffen diese Information auf und machten daraus den üblichen
unvergorenen Mist. Nach der Veröffentlichung der Miller-Studie
hagelte es Verrisse von Wissenschaftlern: Die Studie war, vornehm ausgedrückt,
mangelhaft. Es wimmelte in dieser Studie von Fehlern und die Meinung der
Experten zu Miller et al. war vernichtend. Das veröffentlichten
die Medien allerdings nicht.
Wir haben uns diese Studie mal genauer angeschaut. Das Ergebnis vorab: Hätte
ein Buchhalter eine derart manipulierte Bilanz vorgelegt, wäre er mit Sicherheit
im Knast gelandet.
1. Bereits die Auswahl des Ausgangsmaterials lässt Tendenzen erkennen …
2. … und gipfelt darin, dass die meisten Versuchspersonen von vorne herein
krank waren (und ergo auch ein erhöhtes Sterberisiko aufwiesen).
3. Es wurde nicht explizit nach Vitamin-E-Zufuhr und damit verbundener
Sterblichkeit gefragt, sondern nach der Gesamtsterblichkeit (inklusive z.B.
Mord, Unfalltote).
4. Es wurde nicht etwa die übliche Dosisempfehlung Vitamin E (ca. 10 IE, laut
DGE) mit der höheren Empfehlung der modernen Vitaminforschung (um die 400 IE)
verglichen, sondern die höhere Empfehlung (400 IE) mit therapeutischen
Dosierungen (bis zu 2000 IE).
5. Dennoch ergaben alle „Vormanipulationen“ noch immer kein eindeutig
negatives Ergebnis bei erhöhter (über 400 IE) Vitamin-E-Zufuhr. Die
Darstellung gelang erst, nachdem alle Original-Studienergebnisse mit einer
eigens von Miller et al. entwickelten „Sonderformel“ (quadratic-linear
dose response) passend gerechnet worden waren.
6. Trotz aller Manipulationen ließ sich lediglich eine Risikoerhöhung von
0,5% für Dosierungen jenseits von 400 IE darstellen – aber wer nimmt die
überhaupt zu sich?
Nicht mal die Miller’sche Sonderformel war in der Lage, die
eindeutig positiven Ergebnisse für Ergänzungen bis 400 IE Vitamin E
kaputtzurechnen. Nimmt man die Originaldaten der Studien, dann zeigen sich auch
für Dosierungen bis 2000 IE keine eindeutig negativen Folgen. Die gesamte Studie
ist das Papier nicht wert.
Nähere Erläuterungen:
Zu 1. Bei der Studie von Miller et al. handelt es sich um eine
Meta-Analyse. Eine Meta-Analyse ist keine eigene Studie über etwas, sondern eine
Art Zusammenfassung mehrerer Studien über ein bestimmtes Thema. Mit der Auswahl
der Studien kann man demnach von vornherein eine bestimmte Richtung
einschlagen.
Diese Meta-Analyse basiert auf 19 Vitamin-E-Studien, was an sich nicht gerade
berauschend viel ist, wenn man berücksichtigt, dass Tausende von
Vitamin-E-Studien in der National Library of Medicine abrufbar sind. Von
den 19 Studien gehen jedoch nur 11 bzw. 13 in die Meta-Analyse ein. So fallen
z.B. zwei größere Studien (16.000 Versuchspersonen) mit Dosierungen von 330 IE
heraus der weiteren Betrachtung raus. Berücksichtigt man nämlich diese beiden
Studien, dann senkt sich das Risiko statistisch auf 0,23% - und das wäre
statistisch „nicht signifikant“. Um also überhaupt etwas festzustellen, mussten
zwei Studien unter den Tisch fallen. Würde ein Banker so mit Börsendaten
umgehen, dann könnte er in Zukunft Tüten kleben.
Ferner ist es grundsätzlich heikel, wenn kleine Studien mit ca. 200
Versuchspersonen in den gleichen Datenpool geworfen werden wie eine große Studie
mit ca. 20.000 Versuchspersonen. Das Ungleichgewicht ist in diesem Fall schon
recht krass, da die große Studie (20.500 Personen) genauso groß ist wie alle
anderen kleineren Studien zusammen. Auch die Dauer der verschiedenen Studien
weist eine schwer vergleichbare Bandbreite von 1,4 bis 8,2 Jahren auf. Und die
sehr unterschiedlichen Todesraten der einzelnen Studien (von 3 bis 32%) werfen
mehr Fragen auf, als beantwortet werden können.
Merkwürdig auch, wenn Miller Studien heranzieht, die mit Vitamin E
eigentlich nur im Nebensatz zu tun haben. So untersuchte eine der Studien z.B.
Alzheimer und das Medikament Selegiline, wobei das Medikament mal mit Vitamin E
kombiniert wurde, mal nicht. Das Problem bei solchen so genannten
„multifaktoriellen Studien“ ist, dass man bei einem Vergleich mit der
Placebogruppe den Effekt der eigentlich untersuchten Substanz (in diesem Fall
Vitamin E) erst mal rausrechnen muss. Das ist an sich keine große Sache, aber
bei dieser Meta-Analyse eben ein Buch mit sieben Siegeln. Doch dazu später
mehr.
Zu 2. Die meisten der verwendeten Studien waren „krankheitslastig“, d.h.,
Vitamin E wurde vor allem (chronisch) Kranken gegeben (was auch Miller
einräumt) und die pflegen nun mal ein größeres Sterberisiko zu haben. Sogar
unter normalen Umständen (ohne Rechenkunststücke) hätten die Vitamin-E-Gruppen
daher schlechter abschneiden müssen. Derartig vorbelastete Studien hätten
überhaupt nicht zu einer Meta-Analyse herangezogen werden dürfen. Im Übrigen
dürfte das auch die sehr unterschiedlichen Todesraten der einzelnen Studien
erklären.
Zu 3. Miller untersuchte die „all-cause mortality“, also den Tod aus
welchem Grund auch immer. Starb demnach jemand in der Vitamin-E-Gruppe an einem
Autounfall, dann wurde das dem Vitamin E angelastet. Nun sterben auch in der
Placebogruppe Menschen im Verlauf einer Studie an irgendetwas, insofern würde
ein Vergleich (risk-ratio) der Todesfälle der Vitamin-E- mit der Placebogruppe
den gleichen „Fehler“ aufweisen, aber eine saubere Arbeit sieht eben anders aus.
Zu 4. Das Ergebnis der Studie lautet, dass hohe Vitamin-E-Dosierungen die
allgemeine Todesrate erhöhen. Nun versteht „Jupp mit der Kapp“ unter hohen
Vitamin-E-Dosierungen eine tägliche Zufuhr, die um einiges über der empfohlenen
Dosierung der DGE (ca. 10 IE) liegt. Miller et al. verstehen unter hoher
Dosierung allerdings etwas ganz anderes, nämlich alles jenseits von 400
IE pro Tag. Verglichen werden Dosierungen von 20 bis 400 IE mit Dosierungen
bis zu 2.000 IE. Die „niedrigen“ Dosierungen sind bis zu 40-mal und die „hohen“
Dosierungen bis zu 200-mal höher als die deutschen empfohlenen Dosierungen. In
Wahrheit wurden nicht etwa die DGE-Dosierungen (um die 10 IE) mit den höheren
Dosierungen der modernen Vitaminforschung (um die 400 IE) verglichen, sondern
die höheren Dosierungen der modernen Vitaminforschung mit (therapeutischen)
Mega-Dosierungen.
Der Grund für diese Grenzziehung bei 400 IE wird erst auf den zweiten Blick
deutlich. Denn man kann bei allen Studien bis 400 IE herumrechnen, wie man will:
Sie zeigen alle ein positives Ergebnis bei höherer Vitamin-E-Zufuhr.
Zu 5. Die Meta-Analyse beruht letztendlich auf einer Liste, die die Risiken
der verwendeten Studien in Abhängigkeit von der Vitamin-E-Dosierung auflisten.
Sie zeigen, wie sich das Todesrisiko bei zunehmender Vitamin-E-Dosierung erhöht.
Der Normalsterbliche unterstellt, dass hierfür die Daten der jeweiligen Studie
benutzt wurden. Von wegen, die „passten“ nämlich so gar nicht ins Bild. Jetzt
wird auch deutlich warum Miller auf „multifaktorielle Untersuchungen“
zurückgriff. Bei diesen Untersuchungen muss man, wie bereits erwähnt, die
eigentlichen Ergebnisse erst noch ermitteln. Mit einer kaum durchschaubaren, von
Miller entwickelten „quadratic-linear spline model“ Formel werden die
Todesrisiken passend gerechnet. So lautet das Original-Ergebnis einer Studie,
die mit 200 IE arbeitete, dass die risk-ratio für Vitamin E bei 0,8832 liegt.
Das bedeutet im Klartext, dass diese Dosierung zu weniger Todesfällen
führte. Nach Bearbeitung mit der Miller’schen Sonderformel wurde
daraus eine risk-ratio von 1,01 und das bedeutet mehr Todesfälle.
Laut Miller wäre die Zufuhr von 500 IE Vitamin E mit einer risk-ratio
von 1,05 verbunden. Also eindeutig negativ. Betrachtet man jedoch die
Originaldaten der zwei am nächsten liegenden Untersuchungen (PPS, 1994, 440 IE
und VECAT, 2004, 500 IE), dann stehen 35 Vitamin-E-Toten genau 40 Placebo-Tote
gegenüber. Man braucht wahrhaftig kein Mathestudium, um zu erkennen, dass 35
Vitamin-E-Tote weniger sind als 40 Placebo-Tote. Also eindeutig positiv.
Statistisch gesehen ergibt dies eine risk-ratio von 0,8760 und nicht 1,05 wie
bei Miller.
Laut Miller wäre die Zufuhr von 2.000 IE Vitamin E mit einer
risk-ratio von 1,07 verbunden. Also eindeutig negativ. Dieses Risiko wurde
errechnet aus zwei Untersuchungen (ADCS, 1997 und DATATOP, 1998), deren
Originaldaten addiert lauten: 45 Tote in der Vitamin-E-Gruppe und 46 Tote in der
gleich großen Placebogruppe. Statistisch gesehen ergibt dies eine risk-ratio von
0,97 und nicht 1,07.
Kurz und gut. Die Daten, mit denen Miller et al. ihre ominöse
Abhängigkeit der Todesraten von der Vitamin-E-Dosierung darstellen, sind eher
ein Produkt der Fantasie als nachvollziehbar.
Fazit: Auch diese angeblich negative Meta-Analyse beweist in Wahrheit, dass
die vorteilhaften Effekte von hohen Dosierungen (bis 400 IE) auch von einem
Dutzend Millers nicht kaputtzurechnen sind. Die Gesamttodesrate ist bis
400 IE für die Vitamin-E-Gruppe eindeutig positiv. Erst jenseits der 400
IE täglich wird das Bild unklar. Mal (800 IE) ist eine höhere, mal (2.000 IE)
eine niedrigere Todesrate in der Vitamin-E-Gruppe zu verzeichnen. Das ergibt
keinen Sinn und es ist zu vermuten, dass die mal höhere, mal niedrigere
Gesamtsterblichkeit innerhalb der hier verwendeten Studien mit der Vitamin E
Dosis nichts zu tun hatte. Zu dieser Schlussfolgerung kommt übrigens auch die
größte Studie mit 20.500 Versuchspersonen/660 IE (MRC/BHF HPS, 2002).
Wenn die Ergebnisse einer Studie derart zielgerichtet verschönbessert werden,
muss sich der Wissenschaftler eine persönliche Frage gefallen lassen: Was hat er
damit bezweckt?
Die Autoren der Studie (Miller et al.) sind kein unbeschriebenes Blatt
und an dubiose Schlagzeilen gewöhnt. Der Herausgeber von Annals of Internal
Medicine (dort war der Artikel erschienen) macht keinen Hehl daraus, dass er
diese Plattform für Publikationen im Sinne der US Preventive Service Task
Force nutzt.
Kurz und gut: Wir hätten uns an dieser Stelle lieber mit etwas Vernünftigem
beschäftigt...
Weitere Informationen, die mit obigen Artikel in Zusammenhang stehen:
Im obigen Artikel wurde der Begriff „relatives Risiko“ (risk-ratio)
verwendet. Was ist das?
Um eine halbwegs gültige Aussage über Risiken machen zu können, muss das
„relative Risiko“ ermittelt werden, denn das „absolute Risiko“ sagt meistens
wenig aus. Logisch, denn wenn von 10.000 Versuchspersonen, die täglich Kaffee
trinken, während der Versuchsdauer 1000 Personen starben, dann ist das eine
absolute Zahl, die keine Rückschlüsse auf den Kaffee erlaubt. In der
Placebogruppe von 10.000 Leuten, die keinen Kaffee tranken, starben in der
gleichen Zeit nämlich ebenfalls 1000 Personen. Vergleicht man beide Ergebnisse,
dann ist das „relative Risiko“ ersichtlich. Und das wäre in diesem Fall 1000
Tote zu 1000 Tote oder mathematisch ausgedrückt 1 : 1, statistisch wäre
dies eine risk-ratio von 1. Das bedeutet, dass es null Zusammenhang zwischen der
Todesrate und Kaffee gibt.
Und wenn das Ergebnis jetzt 1050 Kaffee-Tote zu 1000 Placebo-Toten gewesen
wäre? Dann hätte man ein „relatives Risiko“ von 1050 zu 1000 oder auch eine
risk-ratio von 1,05. Da könnte ein Zusammenhang mit dem Kaffee vorhanden
sein. Könnte. Denn es kann auch schlichter Zufall im Spiel sein. Dieses Ergebnis
wäre u.U. zwar statistisch „signifikant“, aber dennoch wenig überzeugend.
In einer englischen Studie fand man einen eindeutigen (signifikanten)
Zusammenhang zwischen Kaffee und Tee. Kaffee war eindeutig mit mehr Toten
assoziiert, Tee mit weniger. Damit ist jedoch noch nicht bewiesen, dass der
Kaffee selbst die Ursache für ein größeres Todesrisiko ist.
Es wäre z.B. durchaus denkbar, dass die Kaffeetrinker aus einer ärmeren
sozialen Schicht stammen und allein deswegen eine erhöhte Sterblichkeit
aufweisen. Das war jedenfalls das Ergebnis einer englischen Studie, die Kaffee
mit Tee verglichen hatte und dabei feststellen musste, dass der typische
englische Kaffeetrinker aus einer niedrigeren sozialen Schicht kam (und damit
krankheitsanfälliger war) als der typische englische Teetrinker.
Man hatte versehentlich nicht Kaffee mit Tee verglichen, sondern
Kaffeetrinker mit Teetrinkenr.
Synthetisch vs. Natürlich
Wie bereits im INFOLOG nachzulesen ist eine Unterscheidung nach
synthetischen/natürlichen Vitaminen praktisch immer an den Haaren herbeigezogen.
Außer bei Vitamin E: Die natürlichen Vitamin-E-Formen „drehen das Licht“ nach
rechts, was mit einem D- angedeutet wird, synthetische Formen drehen das Licht
nach links, was mit einem L- oder auch S- umschrieben wird. D-Gamma-Tocopherol
ist demnach eine natürliche Variante. Künstliches Vitamin E reagiert jedoch
nicht genau so wie natürliches; es besteht z.B. aus acht Isomeren
(„Unterarten“), von denen jedoch nur eins in der Natur vorkommt und daher
organismuskompatibel ist. Synthetisches Vitamin E reagiert z.B. bezüglich der
Dosis-Wirkungs-Kurve anders als natürliches. In den meisten Studien wird das
preiswertere synthetische Vitamin E verwendet.
Vitamin-E-Studie an Kranken oder an Gesunden?
Ein Autogurt senkt zwar das Risiko von Kopfverletzungen, aber ein Autogurt
kann keine Kopfverletzung heilen. 400 IE Vitamin E täglich können das Risiko
einer altersbedingten Makuladegeneration und/oder das Fortschreiten der
Erkrankung zwar senken, aber die Erkrankung nicht heilen. Dennoch liegt die
Sache etwas anders als beim Autogurtvergleich. Denn alle bisherigen Studien
deuten darauf hin, dass mit Vitaminen auch eine Heilung möglich ist, allerdings
setzt das ganz andere Dosierungen voraus und die ziehen wiederum weitere
Ergänzungen nach sich. Insofern müssen bei Versuchen mit Kranken andere
Kriterien berücksichtigt werden als bei Versuchen mit Gesunden. Diese Studien
miteinander zu vergleichen – wie das manchmal leider geschieht – kann daher
gründlich in die Hose gehen.
… ebenfalls Johns Hopkins University
Dass man sich an ein und demselben Institut so gar nicht einig ist, belegen
viele positive Vitamin-Studien, die ebenfalls vom Johns Hopkins Institute
kommen. Darunter eine erst kürzlich publizierte Studie, nach der 78% der
Studienteilnehmer (4.740 Personen über 65 Jahre) ein geringeres Alzheimer-Risiko
aufwiesen, wenn sie regelmäßig Vitamin E und C zu sich genommen hatten.
Bemerkenswert: Das galt nur für jene, die „Multis“ (mit Vitamin E und C) zu sich
nahmen; nicht für jene, die nur Vitamin E und C nahmen.
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