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Ursprünglich war die Heilkunde ein buntes Gemisch unterschiedlichster Therapien. Ob Medizinmann, Schamane, Bader oder Kräuterweib, die Methoden der Heilung hatten ein ebenso fantasievolles Erscheinungsbild wie diejenigen, die sie ausübten. Im europäischen Raum fing man im 18. Jahrhundert damit an, den Berufsstand im heutigen Sinne zu definieren und zu reglementieren. Das dahinter stehende Motiv mag ehrbar gewesen sein, denn zweifelsohne gab es neben den seriösen Praktikern auch viele Scharlatane. Gleichzeitig war es der Grundstein zum medizinischen Monopol, dessen Auswirkungen wir heute immer unangenehmer zu spüren bekommen.

Denn neben den Qualitäten, die ein Heilkundiger haben musste, wurde auch die Methodik der Wissenserweiterung festgelegt: Die naturwissen-schaftliche Denkweise wurde zum allein gültigen Maßstab. Aus der Heilkunst wurde eine technisch-wissenschaftlich orientierte Analytik. Auch dies mag in bester Absicht geschehen sein, um haltlosen Spekulationen, Irrlehren und Aberglauben Einhalt zu gebieten. Man braucht sich nur daran zu erinnern, dass vor noch nicht allzu langer Zeit die Kirche den alleinigen Anspruch auf Wahrheit erhob: Wer behauptete, dass die Welt rund sei, riskierte den Brandstapel. Insofern war die naturwissenschaftliche Annäherung an aktuelle Fragestellungen ein sinnvoller Weg Fakten jenseits von Mutmaßungen und Glaubensbekenntnissen zu sammeln. Dass auch dies Irrungen und Wirrungen aufwies, lag weniger an den Fakten als an den Interpreten. Dieses Werkzeug führte tatsächlich zu einem Quantensprung in der Entwicklung. In der verständlichen Begeisterung übersah man jedoch, dass es auch erhebliche Einschränkungen in sich trug und den Materialismus förderte.

Der Schamane bezog in seine Heilkunst viele Facetten ein. Er behandelte vor dem sozialen und familiären Hintergrund, sprach die „Seele“ an und mobilisierte Emotionen. Kräuter, Magie und Rituale rundeten das Bild ab. Diese frühe Ganzheitlichkeit mag uns in der Form zwar befremden, wird jedoch innerhalb der jeweiligen Kultur verständlich. Denn Dämonen waren damals subjektive Realitäten. Sie standen für eine Erwartungshaltung, die wir heute mit Placeboeffekt, „Droge Arzt“, Konditionierung, positiver Einstellung usw. umschreiben. Der Effekt ist der gleiche geblieben. So begrenzt der frühe Heiler in seiner Kunst, gemessen an heutigen Kriterien, auch gewesen sein mag: Er war weitaus mehr als ein Techniker. Der Ganzheitscharakter ist eines der wesentlichsten Merkmale der magisch-animistischen Heilkunde.

Die in diesem Zusammenhang gelegentlich geäußerte Kritik, dass mit der modernen technisch-naturwissenschaftlichen Anschauung die Erfahrungsmedizin völlig auf der Strecke blieb, ist jedoch so nicht richtig. Die Empirie wird als wesentlicher Bestandteil der Faktensammlung gesehen, aber der Aussagewert wird – nicht ganz zu Unrecht – skeptisch bewertet. Allein aus der Tatsache, dass Millionen an Mohammed glauben, lässt sich noch kein Beweis ableiten. Wie die Vergangenheit gelehrt hat, kann man empirische Daten fürtrefflich missbrauchen, um alles und nichts zu beweisen. In Neudeutsch nennen sich empirische Datensammlungen Statistiken.

Ähnlich wie vordem die Kirche im Besitz der Wahrheit sein wollte, erhob nun die Naturwissenschaft diesen Anspruch. Letztere hatte und hat sicherlich die besseren Argumente und setzte damit mancher Willkür ein Ende. So bestechend diese Denkweise in ihrer Präzision war, so krass waren teilweise die Einschränkungen dessen, was als Realität gelten durfte. In der Konsequenz war nur noch das existent, was auch beweisbar war, und das hing wiederum von Messinstrumenten ab. Letztendlich musste sie immer neue technische Voraussetzungen gebären, um das Wissen erweitern zu können. Das technische Messinstrument wurde zum Maß aller Dinge und gleichzeitig die Grenze. Dennoch hat sich bis heute keine Alternative durchsetzen können. Weder die Philosophen noch die Politiker oder Esoteriker gaben uns die Gewissheit, dass unsere Erde 30.000 Lichtjahre vom Zentrum der Milchstraße entfernt und ein Staubkörnchen in der Galaxis ist.

Die Forschung raubt uns Irrglauben und Illusion, eröffnet neue Horizonte, befruchtet die Fantasie und schränkt sie wieder ein. Es wäre jedoch falsch, der Forschung zu unterstellen, dass ihr die Ambivalenz und die mannigfaltigen Einschränkungen nicht gegenwärtig wären. Wohl aber führte dies zu einer gewissen Eindimensionalität des Denkens.

Moderne Kritik richtet sich gerne gegen das Feindbild Naturwissenschaft an sich. Oftmals wird jedoch verwechselt, dass sich hinter angeblicher Sachlichkeit artfremde Interessen verbergen und Statistiken missbraucht werden. Nicht nur bei den Nazis war dies gang und gäbe. Mit der Wissenschaft von der Natur hat das wenig, mit egoistischen Interessen jedoch viel zu tun.

Historisch gesehen, war der Schutz des Kranken vor unkundigen Heilern und Scharlatanen sicherlich eine hehre Triebkraft. Die Abhilfe hat jedoch nur neue Grenzen geschaffen. Denn jede Festlegung hinsichtlich der Qualitäten eines Heilkundigen trägt zwangsläufig eine Ausgrenzung in sich. Manifestiert wurden diese Definitionen mittels bestimmter vorgeschriebener Ausbildungen, die die Elitebildung nach sich zogen. Die enorme Wissensan-häufung führte darüber hinaus zur Notwendigkeit der Spezialisierung.

Man geht bestimmt nicht fehl in der Annahme, dass wirtschaftliche Inte-ressen von Anfang an Einfluss hatten. Ähnlich den Handwerksgilden strebten die Heilkundigen einer größeren Homogenität zu: auch um finanzielle Sicherheiten zu erlangen. An sich kein bösartiges Phänomen, aber nicht immer zu Gunsten der werten Kundschaft. Im medizinischen Bereich ging der Schutz der eigenen Interessen sehr weit. Heutzutage maße sich außer dem „Dr. med.“ keiner an, auch nur wohlgemeinte Ratschlage zu bestimmten Erkrankungen von sich zu geben. Die Entmündigung des Patienten ist inzwischen weit vorangeschritten und wird von vielen Seiten gedeckt. Es steht uns nicht mehr frei zum Wunderheiler zu gehen, auch dann nicht, wenn er womöglich tatsächlich Wunder vollbringt. Jesus von Nazareth würde heute wegen unerlaubter Ausübung der Heilkunst hinter Gittern landen.

Diese Entwicklung hat mit naturwissenschaftlicher Forschung an sich nichts gemein und es ist nicht angebracht, sie damit in Verbindung zu bringen. Denn noch ehe sich wissensdurstige Forscher dem Wunderheiler von Nazareth widmen könnten, säße der schon von Gesetzes wegen in Untersuchungshaft. Die von wirtschaftlichen und politischen Interessen ins Leben gerufenen Gesetze wenden sich gegen die reine Lehre. Eine Eigendynamik, gegen die auch die Wissenschaft selbst ankämpft.

Das Heilungs- und Ausbildungsmonopol führte zu einer Akzentuierung der Allopathie (Schulmedizin), bei der zwischen Krankheit und Gegenmittel kein direkter Zusammenhang besteht. Andere Heilmethoden wurden und werden ausgegrenzt. Diese unselige Freund-Feind-Definition geht leider oft Hand in Hand mit Standesdünkel und einer Art Unfehlbarkeitsanspruch. Die eigene Sprache, die alleinige Festlegung dessen, was anerkannt und zugelassen wird, ein in sich geschlossenes Honorarsystem usw. schufen damit eine Allmacht, die an frühe Priesterkasten erinnert.

Der freie Wille des Patienten ist hierbei eher lästig, seine Selbstheilungskraft wird als Placeboeffekt belächelt und ganzheitliche Diagnosen passen nicht mehr in das Schema der Gebührenordnung. Der medizinische Apparat hat einen Organisationsstand und eine Größe erreicht, bei der alle physikalischen Gesetze von der Trägheit der Masse zuzutreffen scheinen. Geschützt in ihren gefliesten Elfenbeintürmen wird von zu vielen Halbgöttern in Weiß gerne ignoriert, dass die Wahrheit von heute der Irrtum von morgen sein kann. Allzu hartnäckig klammert man sich an Weisheiten von gestern.

In ihrem Bereich hat die Schulmedizin unbestritten enorme Fortschritte erzielen können, aber eben nur innerhalb des von vorneherein sehr begrenzten Spektrums. Diese Eingrenzung wurde gefördert durch finanzielle Interessen, eingebettet in Gesetze und von der Politik gestützt. In kaum einem anderen Lebensbereich sind die Fremdinteressen so einflussreich und weitreichend wie in der Medizin. Die Schulmedizin muss keine ernsthafte Konkurrenz fürchten, und in diesem „Reservat“ gedeihen finanzielle Motive ungestört. So mancher Professor hat sich freiwillig zum Handlanger der Pharmaindustrie degradieren lassen und ist zum akademischen Pillenvertreter geworden.

Die grundsätzliche Haltung des medizinischen Apparats aus Ignoranz, wirtschaftlichen Interessen und Trägheit hat eine jahrhundertealte Geschichte und hat bereits Millionen Menschen das Leben gekostet. Dass Bakterieninfektionen und Pocken heute kein Thema mehr sind, hat diese „Kaste“ nicht etwa einem überlegenen Teamgeist, einem guten Forschungssystem oder gar herausragender Einsicht zu verdanken, sondern Einzelkämpfern, die sich gegen die Häme der „Kollegen“ auf lange Sicht durchgesetzt haben.

Als Edward Jenner 1789 erste Versuche mit Pockenimpfungen machte, nahm die Gilde der „Doktoren“ das nicht in Dankbarkeit auf. Im Gegenteil. Nicht mal der Umstand, dass er seinen eigenen Sohn erfolgreich impfte und mit den damals tödlichen Pocken infizierte, konnte die akademischen Besserwisser überzeugen. Eine Studie, die über 13 erfolgreiche Impfungen berichtete, wurde ignoriert. Jenner wurde von der Presse, den honorigen Doktoren und sogar der Kirche geschnitten. Was den aufgeschlossenen Menschen des 21. Jahrhunderts vielleicht lächerlich anmutet, würde heute natürlich ganz anders laufen: Jenner käme sofort ins Gefängnis wegen Ausübung einer „nicht zugelassenen Therapie“ ...

Alexander Fleming entdeckte bereits 1928 das Penicillin, aber es mussten erst noch Millionen sterben, ehe die „etablierten Bedenkenträger“ um 1940 allmählich mal bereit waren die Entdeckung einzusetzen.

Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen – bis in unsere angeblich aufgeklärte Zeit. Beide Forscher wären heutzutage schlimmer dran als vor 100 Jahren, denn allein schon wegen der kleinen Größenordnung der Untersuchungen würde man sie bestenfalls milde belächeln.

Schon längst ist der medizinisch-industrielle Komplex zu einem wirtschaftlichen und politischen Faktor allererster Größenordnung geworden. Es gibt keinen größeren Arbeitgeber in Deutschland und keine Branche macht größere Umsätze. Die rigiden Hierarchien in den Kliniken, die Privatliquidation der Professoren, die „Göttlichkeit“ mancher Klinikchefs sind konsequenter Ausdruck einer enormen Machtfülle, die nach eigenen Gesetzen lebt. Ein ebenso machtvolles Regulativ, wie z.B. ein starker Verbraucherschutz für Patienten, existiert nicht. Nicht mal die Regierungen sind in der Lage diesem Giganten effektiv Paroli zu bieten.

Vor allem im medizinischen Bereich ist die Forschung weitgehend zum Lakaien der Pharmamultis verkommen. Untersucht wird, wofür bezahlt wird, und es gehört schon eine gehörige Portion Naivität dazu, anzunehmen, dass der Scheck des Herstellers keinen Einfluss auf das Ergebnis hat. Das synthetische Mittelchen ist patentrechtlich geschützt und verspricht konkurrenzlose Profite, das ebenso wirksame Produkt aus der Natur bringt keine befriedigenden Gewinne. Technische Monstren sind profitabler als ein einfühlsames Gespräch. Der Patient, die Allgemeinheit zahlt die Zeche mit Nebenwirkungen, Geld und Gesundheit. Mitspracherecht hat der Kranke nicht.

Der Mensch ist beim Arzt kein Kunde, und König ist er schon gar nicht. Er ist Patient und hat die Verantwortung für sein Leben in fremde Hände zu legen. Angeblich trägt der Arzt jetzt die Verantwortung, aber bei Kunstfehlern ist er kaum angreifbar. Vertrauensvoll soll der Kranke die Chemiebasteleien der Pharmaindustrie zu sich nehmen. Eine Alternative hat er nicht. Wenn er davon noch kränker wird, verdient „Big Pharma“ erst recht.

Fatal ist, dass dem Kranken nur ein kleiner Teilbereich an Therapiemöglichkeiten angedient wird. Über andere Heilmöglichkeiten muss er sich selbst informieren. Leider bewegt er sich dabei in der Grauzone „nicht anerkannter“ Therapien, teilweise betritt er gar rechtlich unzulässiges Gelände. Denn so nebenwirkungsfrei z.B. eine Handauflegerin (ohne „Dr. med.“) auch arbeitet: Sie verstößt gegen das Heilungsmonopol und macht sich damit strafbar.

Die Annexion aller Heilformen durch das Mediziner-Monopol hat schon fast totalitäre Formen angenommen. Es reicht schon, wenn eine Heilmethode möglicherweise wirksam sein könnte, dann ist ihre Ausübung durch Laien unzulässig. Und Laie ist, wer nicht der Medizinerkaste angehört. Das gilt sogar für Therapien, die ursprünglich für die Selbstmedikation entwickelt wurden, wie z.B. die Blütentherapie nach Bach. Andere Methoden sind (noch) nicht anerkannt und die Ausüber rücken allein schon deswegen in die Nähe der Scharlatanerie. Zweifelsohne gibt es viele Blender in diesem Bereich, aber die rigide Ausgrenzung trägt Züge einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es ist traurige Wahrheit, dass im Bereich des Heilberufes gesunder Menschenverstand nichts mehr gilt und wirtschaftliche Interessen sogar dann noch das letzte Wort haben, wenn es Tote kostet. Der einzelne Arzt mag die Absurdität des Apparats erkennen, gegen die juristisch abgesicherte Eigendynamik ist er sogar als Mitglied der Kaste machtlos.

Letztlich liegt es beim Heilungssuchenden, ob er sich über derartige Konsequenzen hinwegsetzt und sich damit die Verantwortung für seine Gesundheit nicht abnehmen lässt.

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