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Exogene Induktion der Zytokine und
Inflammation neuronaler Strukturen
Geschrieben von Dr. med. Kurt E. Müller 09.05.2006
Einleitung
Beim Immunsystem handelt es sich um
funktionell verschiedenartige, miteinander bedarfsabhängig kooperierende
Einheiten, deren entscheidende Aufgabe es ist, die Integrität des Organismus zu
wahren. Die Lern- und Merkfähigkeit ist ein wesentliches Element in diesem
Prozess und Voraussetzung für die Adaptation an neue, bislang nicht erfahrene
Geschehnisse.
Entwicklungsgeschichtlich sind die einzelnen Bestandteile
des Immunsystems unterschiedlich alt und ihre Arbeitsweise ist sehr verschieden
differenziert und spezialisiert. Grundsätzlich ist festzustellen, dass das
Immunsystem ursprünglich im Umgang mit Parasiten und Bakterien geübt ist. Die
bislang entwickelten Mechanismen sind deshalb durch diesen Kontakt ganz
wesentlich konditioniert. Bereits gegenüber Viren besitzt das Immunsystem noch
nicht einen gleichwertigen Entwicklungsstand.
Nicht vergleichbar sind die
Leistungsmöglichkeiten gegenüber nicht physiologisch vorkommenden chemischen
Substanzen der jüngsten Zeit, die in einem entwicklungsgeschichtlich sehr kurzen
Zeitraum in ungewöhnlich großer Vielfalt die in einer langen Entwicklungskaskade
etablierten Mechanismen beanspruchen. Wenn von Immunleistung gesprochen wird,
wird entsprechend nach wie vor im wesentlichen hierunter die immunologische
Leistungsfähigkeit zur Wahrung der von außen durch Keime und Parasiten oder
durch innere Mechanismen (z.B. Autoimmunität) gefährdeten Integrität des
Organismus verstanden. Zu wenig Beachtung hat bislang gefunden, dass das
Immunsystem sich auch an der Kommunikation endokriner und neurologischer
Informationen beteiligt. Als wesentliche Vermittler der Information konnten
zwischenzeitlich eine Vielzahl von Zytokinen identifiziert werden. Das Muster
ihrer Expressionen unterliegt physiologischerweise festen Regeln und begrenztem
quantitativem und qualitativem Vorkommen. Die Forschung der jüngsten Zeit
belegt, dass die chronische Einwirkung von Chemikalien im Niedrigdosisbereich
eine Modulation der Zytokinexpression bedingen kann. Kurzfristige Änderungen
werden in der Regel gut und ohne wesentliche Folgen kompensiert. Wenn dieser
Mechanismus allerdings langfristig und in der Regel über Jahre einwirkt, ergeben
sich hieraus Konsequenzen für das immunologische
Verhalten.
Interleukin-2
Das Kontaktekzem war die
erste Erkrankung, bei der nachgewiesen werden konnte, dass ein
Erkrankungsprozess durch die dominierende Bildung eines einzelnen Zytokins zur
Auslösung und Chronizität von Krankheit – in diesem Fall zu einem Ekzem - führt.
Die einseitige Expression von Interleukin-2 (IL-2) induziert das beständige
Klonen sensibilisierter, zuvor naiver T-Lymphozyten. In der Regel ist dieser
Prozess auf den Einwirkungstort der exogenen Note begrenzt. Problematischer wird
die Situation dann, wenn es zu einem Ausschwemmen von T-Zellen und/oder
Zytokinen kommt, die in ganzen Systemen zu Steuerungsstörungen führen kann, wie
es bei dem hämatogen gestreuten Kontaktekzem letztendlich auch der Fall ist.
Erfolgt die Antigenpräsentation nicht über die Epidermis sondern inhalativ oder
enteral, können sehr variable klinische Bilder entstehen, die in ihrem
pathogenetischen Zusammenhang über eine Epikutantestung nicht zuverlässig
abgeklärt werden können.
Der Lymphozyten-Transformationstest (LTT) ist
hier die genauere Methode. So wurden hier zelluläre Sensibilisierungen auf
Metalle, insbesondere Aluminium, im Zusammenhang mit Amyotropher Lateralsklerose
(ALS) und Guillain-Barré-Syndrom (GBS) beschrieben.
Autoimmunität
Die Induktion von Autoimmunität
durch Fremdstoffe ist ein allgemein anerkanntes Krankheitsprinzip, das
insbesondere bei zahlreichen neurologischen Krankheiten wie ALS, Encephalitis
disseminata (E.d.) Miller-Fisher-Syndrom und GBS bekannt ist. Es ist nicht davon
auszugehen, dass der immunologische Mechanismus durch unterschiedliche Noxen
gleichermaßen ausgelöst werden kann. Schwermetalle besitzen aufgrund ihrer hohen
Speicherfähigkeit bei chronischer Zufuhr allerdings ein besonders hohes
Potential, als Auslöser in Frage zu kommen, da sie einerseits strukturelle
Änderungen besonders der S-hydril-Gruppen enthaltenden Proteine sowie der sowie
Antigenbereitstellung im Golgi-Apparat bzw. der Antigenpräsentation an der
Zelloberfläche bedingen können. Arzneimittel und Chemikalien vielfältiger Art,
aber auch Viruserreger wurden als Auslöser ebenfalls
identifiziert.
Zelladhäsionsmoleküle
Etwa 40
Zytokine sind für die Induktion von Zelladhäsionsmolekülen verantwortlich.
Dieser Mechanismus reguliert die Gefäßweite, Endotheldicke und Inflammation an
der Oberfläche des Endothels. Damit wird die Rheologie der Gefäße ebenso
beeinflußt, wie die Diffusion in die umliegenden Gewebe. Auch in diesem
Zusammenhang konnten Änderungen der physiologischen Funktion an der
Endotheloberfläche durch fremdstoffinduzierte Modulation der
Zelladhäsionsmoleküle berichtet werden. Besonders auffällig sind auch in diesem
Zusammenhang die nicht physiologisch im Körper verwendeten Metalle, die eine
große Beeinflussung dieses Regelkreises zeigen. Auswirkungen ergeben sich sowohl
für das kardiovaskuläre System als auch für die Austauschsituation im
Gehirn.
Diese kann durch entsprechende Reaktionsmechanismen stark
noxenabhängig auch in kurzer Zeit verändert werden, wodurch insbesondere die
kognitive Hirnleistung direkt beeinflusst werden kann. Inwieweit dieser
Mechanismus die eigentliche Voraussetzung für thromboembolische Prozesse oder
Infarkte ist, bedarf der dringenden Evaluierung. Es ist nicht auszuschließen,
dass das Multiinfarkt-Syndrom des Gehirns hier seinen pathologischen Anfang
nimmt. Autoimmunität gegen Cardiolipin und /oder Phosphatidylserin kann das
Risiko zusätzlich erhöhen. Auch das Auftreten dieser Autoantikörper wurde in
jüngster Zeit im Zusammenhang mit der chronischen Exposition gegenüber
verschiedenen Noxen wie Lösemitteln und Schwermetallen
gefunden.
Interferon-γ
Von großer Bedeutung
scheint die dominierende Freisetzung von Interferon-γ (IFN-γ) zu sein, die die
immunologische spezifische, substanzbezogene Antwort unspezifisch und im Körper
diffus verteilt auftreten läßt. Die bevorzugte Expression von IFN-γ konnte in
jüngster Zeit bei MCS nachgewiesen werden. Von Bedeutung ist insbesondere
die funktionsmodulierende Eigenschaft dieses Zytokins im Zentralen Nervensystems
(ZNS), wodurch sich eine Veränderung der Informationsqualität und –Quantität
ergibt, die gegenüber der physiologischerweise zu erwartenden deutliche
Abweichungen zeigt. Abhängig von den Einwirkungsorten innerhalb des ZNS ergeben
sich sehr bunte Symptomprofile, die im allgemeinen einem psychosomatischen
Krankheitsgeschehen zugeordnet werden.
Die Arbeitsgruppe Bieger et al.
konnte diesen Sachverhalt im Zusammenhang mit dem Auftreten von Multipler
Chemikalien Sensitivität (MCS) nachweisen, die auch aufgrund umfangreicher
psychischer und psychometrischer Untersuchungen nicht den psychisch bedingten
bzw. somatoformen Erkrankungen zugerechnet werden kann. Erklärt wird durch diese
starke IFN-?-Abgabe auch, warum es bei diesem Personenkreis häufiger als in der
durchschnittlichen Bevölkerung zu Autoimmunprozessen kommt, wie es von
zahlreichen Autoren auch beschrieben ist, da dieses Zytokin immunmodulierend
diesen Reaktionsmechanismus
fördert.
Inflammation
Zu wenig beachtet wurde
bislang die Fremdstoff induzierte Unterhaltung chronischer Inflammation durch
entzündungsförderliche Zytokine, wie es insbesondere auch bei chronischer
Einwirkung von Lösemitteln beobachtet werden kann. Dies ist u.a. bei der
Chronifizierung von Polyneuropathien (PNP) zu beachten, die allerdings ebenso
durch autoimmune Reaktionen unterhalten werden können. Die immunologischen Daten
deuten darauf hin, dass auch bei Expositionsstop beruflich erworbener
Erkrankungen nicht mit einer Beendigung des Inflammationsmechanismus zu rechnen
ist, da für die Perpetuierung des immunologischen Entzündungsprozess die
geringen alltäglichen ubiquitär vorhandenen Mengen ausreichend sind. Die bisher
von arbeitsmedizinischer und toxikologischer Seite getroffene Einschätzung, dass
es nach Expositionsbeendigung zu einer restitutio at intregrum
(Wiederherstellung) kommen müsse, kann nicht nur bei Beteiligung von
allergischen, sondern generell bei der Auslösung von immunologischen Prozessen
nicht begründet werden.
Zusammenfassend kann festgestellt werden,
dass bei chronischer Exposition gegenüber Fremdstoffen immunologische
Pathomechamismen für die Krankheitseinwicklung entscheidender sind als
toxikologische und arbeitsmedizinische Grenzwertvorstellungen. Wegen der in der
Regel deutlich höheren Halbwertszeit der meisten Xenobiotika im Nervengewebe und
der dadurch bedingten längeren Präsenz für das Immunsystem, spielt das
immunologische Verhalten bei chronischer Exposition im
Niedrigdosisbereich die entscheidende Rolle bei der Entwicklung von
Krankheiten. Sowohl für die Bewertung von Krankheitszusammenhängen als auch für
die Gestaltung von Therapien werden die jüngsten Resultate entscheidende
Bedeutung haben.
Für die Etablierung einer wirkungsvollen
Prävention werden sie unerläßlich sein.
Literatur beim
Verfasser. Anschrift: Dr. med. Kurt E. Müller Scherrwiesenweg
16 D-88316 Isny Tel. 07562 - 5 50 51 /
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