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Es ist kaum ein Markt so undurchsichtig wie der der Pillen & Pülverchen. Das fängt bereits mit der Abgrenzung von Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel und Lebensmittel an. Erschwert wird dies durch neue Produktgruppen wie z.B. „Functional Food“ oder andere abenteuerliche Wortschöpfungen, die nichts bedeuten.

Die sehr stark vertretene Pharmafront und deren zahlreiche Interessenvertreter werfen dabei ebenso fleißig mit Nebelgranaten wie die Produzenten von Nahrungsergänzungsmitteln. Die Unkenntnis des Verbrauchers wird gelegentlich geradezu schamlos ausgenutzt, und überzogene Darstellungen gehören inzwischen schon fast zum guten Ton. Leider bestechen viele Hersteller mehr mit juristischen Qualitäten für Propagandazwecke als durch fachliche oder pharmakologische.

Beispiele:

  • Es ist juristisch völlig korrekt, wenn ein Hersteller auf seiner Produktverpackung z.B. 500 mg Magnesium angibt, auch wenn kein einziges Molekül des Produkts für den Menschen verwertbar sein sollte. Entscheidend für die Bioverfügbarkeit ist jedoch der elementare Anteil, und der kann nur noch ein Bruchteil sein.
  • Es ist rechtlich ebenfalls nicht anfechtbar, wenn ein Produzent z.B. 100 mcg Selen angibt, von denen jedoch nur die Hälfte überhaupt angerechnet werden kann. Selen ist nämlich immer an eine Trägersubstanz gebunden (z.B. Selenmethionin), und bei diesen und ähnlichen Angaben ist es „üblich“, das Gewicht von Selen und seinem Träger anzugeben. Andere Hersteller beziehen sich wiederum nur auf den elementaren Anteil, d.h., der Gesamtgehalt wird erst gar nicht angegeben. Vorsicht also bei Preisvergleichen!
  • Es gibt immer wieder Angebote, bei denen man sich nur wundern kann. Mal zahlt man 200,– Euro, mal 4,– Euro für (umgerechnet) 1 g Coenzym Q10. Der erste Preis ist unverschämt hoch, der zweite jedoch unverständlich niedrig. Coenzym Q10 kostet im Großhandel pro Kilo etwa 1.500,– bis 2.500,– Euro; 1 g Rohstoff kostet also 1,50 bis 2,50 Euro. Berücksichtigt man die weiteren Verarbeitungs- und Vertriebskosten, die erheblich sind und den Verkaufspreis vervielfachen (!), dann wäre ein Endverbraucherpreis irgendwo zwischen 10,– und 20,– Euro pro Gramm noch als normal anzusehen. 200,– Euro pro Gramm sind, wie gesagt, absurd teuer; 4,– Euro jedoch verdächtig preiswert.
  • Man hüte sich dabei vor Milchmädchenrechnungen: Zwar kosten viele Inhaltsstoffe nur Pfennige, aber die Verarbeitung zum Endprodukt (Verkapselung, Abfüllung, Dosen, Etiketten usw.), Vertrieb, Werbung u.v.a.m. lassen die Kosten explodieren. Legt man den Kilopreis im Großhandel zu Grunde, so mag der Inhaltsstoff eines Produktes zwar nur 2,50 Euro betragen. Bis dieses Produkt jedoch auf dem Ladentisch steht, kostet es z.B. 40,– Euro. Dabei mag sogar noch sehr knapp kalkuliert worden sein. Es verhält sich ähnlich wie mit einem neuen 30.000-Euro-Auto, das nur 10.000,– Euro kosten soll: Wer würde da nicht stutzig werden?
  • Völlig undurchsichtig kann es bei den Heilpflanzen werden. Hier muss der Konsument sehr genau lesen. Bezieht der Hersteller seine Angaben auf die Pflanze (z.B. Ginsengwurzel) oder einen Extrakt (welche Konzentration?) oder den eigentlichen Wirkstoff (das wären bei Ginseng die Ginsenoide) oder macht der Hersteller womöglich gar keine nachvollziehbare Aussage dazu?
  • Aber auch wenn man etwas Ahnung von der Sache hat und Inhaltsangaben zu deuten weiß, ist man vor „Beschiss“ nicht sicher. Wobei jede Nation gewissermaßen eigene Gesetzeslücken nutzt. So ist es in Deutschland bei vielen frei verkäuflichen Heilpflanzen (Johanniskraut, Baldrian) schon fast üblich, dass sie nicht wirken. Das geht auch nicht anders: Laut Gesetz fallen praktisch alle wirksamen Dosierungen unter das Arzneimittelgesetz. Folglich wurde in einer Untersuchung festgestellt, dass es in Deutschland nur ein einziges Johanniskrautpräparat mit einer wirksamen Dosierung gab – und das war rezeptpflichtig.
  • Andere Länder, anderer „Schmu“: Zwar dürfen in den USA wesentlich höhere Dosierungen als in Deutschland frei verkauft werden, aber dafür ist in den US-Produkten oft nicht drin, was auf den Etiketten draufsteht. In einem Test der Los Angeles Times (8/98) enthielten von den untersuchten Johanniskrautpräparaten nur 20% das, was auf dem Etikett angegeben war.
  • Ein sehr beliebtes Spiel ist der Hinweis auf ein oder mehrere Patente. Das klingt gut und bedeutet unter Umständen weniger als nichts. Generell kann man auf ein Naturprodukt wie z.B. ein Vitamin, ein Hormon oder Kuhmilch kein Patent erwerben. Wohl aber kann man ein bestimmtes Herstellungsverfahren patentrechtlich sichern lassen. Für sich gesehen hat es für den Konsumenten im Regelfall keinerlei Bedeutung, wie etwas hergestellt wird – solange das Ergebnis brauchbar ist. Überspitzt formuliert: Wenn es darauf ankommt einen Nagel in die Wand zu hauen, dann kann man dies einfach, schnell und preiswert mit einem Hammer erledigen oder mittels eines hochkomplizierten, sündhaft teueren Gerätes, das patentiert ist. Im Patentverfahren wird nicht geprüft, ob die „Erfindung“ irgendeinen Segen für die Menschheit darstellt. Der größte Blödsinn ist patentiert worden.
  • Es ist sogar für Fachleute oft schwierig, raffinierte pseudo-wissenschaftliche Dichtung (Werbeaussagen) von Wahrheit zu unterscheiden. Dem Laien, dem die Fakten oftmals nicht zugänglich sind, hilft nur ein sehr kritischer Blick auf die Wortwahl.
  • Lobeshymnen wie „sofortiger Erfolg“, „einmalig“, „geheimnisvoll“ usw. sind Worthülsen. Hinweise auf wissenschaftliche Untersuchungen sollten zumindest überprüfbar sein. Es ist schon ärgerlich genug, dass viele wissenschaftliche Untersuchungen von dubiosen Quellen kommen oder allzu einseitig ausgelegt werden und im Grunde nichts wert sind. Waberige Aussagen wie „kosmische Kräfte“, „blutreinigend“, „befreit von Giften“ usw. sind mit Vorsicht zu genießen.
  • Behauptungen aller Art, die sich auf irgendeine Erkenntnis beziehen, die angeblich nur diese Firma hat oder nur dieses Produkt berücksichtigt, sollte man in aller Regel gleich wieder vergessen. Es gibt im wissenschaftlichen Bereich der NEM praktisch kein Geheimwissen. Entweder ist es allgemein bekannt, dass dieses oder jenes soundso wirkt – oder unbewiesen.
  • Allheilmittel, die angeblich jedem und/oder bei jeder Krankheit helfen, gibt es nicht und wird es wohl auch nie geben. (Nicht zu verwechseln mit allgemeinen Stärkungsmitteln, wie z.B. Ginseng, oder Mittel mit einer umfassenderen Gesamtwirkung auf die Symptomatik wie beim Beispiel Vitamin C bei Skorbut.)
  • Alle Diätprodukte oder -pläne, die eine größere Gewichtsabnahme als 1–2 Pfund pro Woche garantieren, wirken – wenn die Aussage denn  überhaupt stimmt – kontraproduktiv (Jojo-Effekt).
In diesem Zusammenhang sei auch ausdrücklich betont, sich vor Fern-schnell-gut- oder gar Laiendiagnosen aller Art zu hüten! Nicht umsonst haben Fachärzte eine 12-jährige Ausbildungszeit hinter sich – und sind dennoch nicht gegen Irrtümer und Fehldiagnosen gefeit. In Sachen Heilung mögen auch an sich hervorragende Ärzte irgendwann am Ende ihres Lateins und Selbsthilfe angebracht sein. In Sachen Diagnose hüte man sich jedoch vor falschen Propheten.
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